»Die iranische Atombombe soll eine Abschreckung sein«

Quelle: http://www.zenithonline.de/deutsch/politik//artikel/die-iranische-atombombe-soll-eine-abschreckung-sein-002366/

Interview von Ramon Schack

Peter Scholl-Latour verrät im Interview, warum er die Gefahr einer iranischen Atombombe für überschätzt hält und Demokratie nach westlichem Vorbild keine Lösung für die Region ist.

zenithonline: Herr Scholl-Latour, der Bericht der Internationalen Atomenergiebehörde IAEA bezüglich der kerntechnischen Aktivitäten Irans hat zu neuen Spannungen geführt. In Israel wurde und wird öffentlich über einen Militärschlag gegen Teheran debattiert. Der israelische Militärhistoriker Martin van Creveld entgegnete dem: »Israel kann mit einer iranischen Bombe leben!« Was denke Sie?

 

Peter Scholl-Latour: Ich teile die Einschätzung Martin van Crevelds. So wie er äußert sich übrigens auch der ehemalige Chef des Mossad Meir Dagan, auch ein Mann auf den man hören sollte. Wenn der Iran über die Atombombe verfügt, wird er nicht Tel Aviv bombardieren. In so einem Moment würden Israel und die USA den Iran nuklear auslöschen – so suizidal ist man in Teheran nicht veranlagt. Die Drohung, die Waffe einzusetzen, ist eine propagandistische Aussage, die wirklich unhaltbar ist. Es ist auch eine strategisch völlig falsche Sicht der Dinge. Die Atombombe des Iran soll eine Waffe der Abschreckung sein.

 

Israel fürchtet allerdings den Einfluss des Iran, auch aufgrund der Hizbullah im Südlibanon, direkt an der eigenen Nordgrenze.

 

Die Situation ist insofern absurd, da die Perser historisch gesehen ja die Freunde der Juden waren. Ein persischer Großkönig hat die Juden aus der babylonischen Gefangenschaft befreit. Im jüdischen Geschichtsbewusstsein hat das immer eine Rolle gespielt. Zur Zeit des Shahs gab es eine enge Zusammenarbeit zwischen Israel und dem Iran, wenn auch keine offiziellen diplomatischen Beziehungen.  Die Schiiten im Südlibanon waren ursprünglich nicht anti-israelisch eingestellt. Die hatten eher ihre Probleme mit der PLO, die sich im Libanon aufführte wie in einem besetzten Land. Das änderte sich erst, als Sharon 1982 seine Offensive (die israelische Militäroperation »Frieden für Galiläa«, d.Red.) bis Beirut vorgetragen hat. Damit hatte er die PLO ausgeschaltet, aber eine für Israel viel größere Gefahr hervorgebracht, nämlich die organisierte schiitische Miliz Hizbullah, die Partei Gottes.

 

Der Aufstieg der Schia steht auch den Interessen des sunnitischen Königreiches Saudi-Arabien entgegen. In Ihrem neuen Buch »Arabiens Stunde der Wahrheit« kritisieren Sie deutlich die engen Verbindungen des Westens zum saudischen Königreich. Was stört Sie an diesen Beziehungen?

 

Weil sich im Westen bisher keine kritische Stimme von Gewicht gemeldet hat, um die extrem reaktionäre und unduldsame Dynastie Saudi-Arabiens an den Pranger zu stellen. Der ehemalige CIA-Mitarbeiter Robert Baer, der diese Beziehung in seinem Buch »Sleeping with the Devil« beschreibt, ist eine lobenswerte Ausnahme. Inzwischen weiß man, dass aus den Reihen der dogmatischen Wahhabiten, die ja in Saudi-Arabien die höchste religiöse Autorität ausüben, die seltsame Terrorgruppe von al-Qaida entsprungen ist. Während der Iran als Schurkenstaat Nummer Eins dargestellt wird, hat im Westen kaum jemand die völkerrechtswidrige Invasion gegen die revoltierende Insel Bahrein, wo sich die schiitische Bevölkerungsmehrheit gegen das sunnitische Königshaus erhoben hatte, gebrandmarkt. Dieser selektive Einsatz der Menschenrechtskeule durch den Westen ist ein Skandal. Die Ausbreitung, der in Saudi-Arabien praktizierten Form des Islam ist für uns wesentlich problematischer, als es der Iran jemals sein könnte.

 

Inwiefern?

 

Nun, durch die Petrodollars, die Saudi-Arabien verdient, breitet sich diese Form des Islams weltweit aus, auch bei uns im Westen. Die Amerikaner verlassen sich auf die starke anti-schiitische Grundhaltung der Saudis, übersehen dabei aber, dass die anti-amerikanische Grundhaltung ebenso vertreten ist. Die Attentäter von 9/11 hatten nicht nur überwiegend die saudische Staatsbürgerschaft, sondern alle einen wahhabitischen Background.

 

»Unsere Form der Demokratie wäre kein geeigneter Maßstab«

Kommen wir auf den »Arabischen  Frühling« zu sprechen. Können wir mit einigen freudigen Überraschungen rechnen, oder erwarten uns bittere Enttäuschungen, bezüglich der politischen Entwicklungen in den jeweiligen Ländern?

 

Auf diese Frage, die mir häufig gestellt wird, gibt es keine Antwort. Als Sarkozy und Cameron gemeinsam nach Libyen reisten, um dort von einer jugendlichen Menschenmenge begeistert gefeiert zu werden, war das schon ein historisch bemerkenswerter Augenblick.

 

Weshalb?

 

Weil dieses Mal der Einsatz britischer und französischer Kampfflugzeuge während eines innerarabischen Bruderkrieges von der Bevölkerung überwiegend als Geste der Freundschaft, ja als Rettung empfunden wurde. Wie lange diese Freude anhalten wird, steht ganz woanders geschrieben. Man hat ja noch nicht vergessen, wer Gaddafi alles den roten Teppich ausgerollt hatte. Früher oder später wird wohl der Verdacht aufkommen, es gehe dem Wesen eher um das Ölgeschäft.

 

Wie sollte der Westen, wie sollte Deutschland auf die dortigen Ereignisse reagieren?

 

Auf jeden Fall nicht mit Belehrungen. Dafür hat man sich ja auch zuvor mit den gestürzten Potentaten zu gut verstanden. Schon jetzt werden in Berlin die ersten Stimmen laut, man müsste den Arabern bei der Abwehr radikal-islamischer Einflüsse zur Seite stehen. Nichts wäre gefährlicher. Die Menschen in der arabischen Welt müssen jetzt wirklich selbst entscheiden, wie sie regiert werden möchten. Falls eine islamische Staatsform bevorzugt wird, wovon auszugehen ist, dann sollen sie dieses Experiment ausleben und eines Tages aus eigener Erkenntnis auf diverse, überalterte, heute nicht mehr brauchbare Überlieferungen verzichten.

 

Unser politisches Modell wäre als Exportgut also nicht geeignet?

 

Nein, ich bin mir ziemlich sicher, dass unsere Form der Demokratie, die ja schon in unseren Staaten einer größer werdenden Belastungsprobe ausgesetzt bleibt, für den Neuaufbau einer arabischen Gesellschaft und für die Lösung der dort vorhandenen sozialen und wirtschaftlichen Probleme kein geeigneter Maßstab wäre.

 

Peter Scholl-Latour

 

wurde 1924 in Bochum geboren. Nach seiner Tätigkeit als Korrespondent der ARD arbeitete er als Programmdirektor des WDR-Fernsehens und Herausgeber des Sterns. Er gilt als Deutschlands erfolgreichster Sachbuchautor

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