Endlich mal Klartext! – Arjo Klamer: „Euro-Crash wäre weniger schlimm als das langsame Sterben“

Quelle:    |  Veröffentlicht: 26.12.11, 00:38  |  Aktualisiert: 26.12.11, 11:21 |  66 Kommentare

http://www.deutsche-mittelstands-nachrichten.de/2011/12/34306/

Der niederländische Ökonom Arjo Klamer hält die Euro-Zone in ihrer gegenwärtigen Form für nicht überlebensfähig. Klamer glaubt, dass die Finanzwirtschaft alles unternimmt, um den Crash hinauszuzögern. Der Euro sei eine Ideologie geworden, an der mit religiösem Pathos festgehalten werde.

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Die Niederlande waren einst das Mutterland der EU. Heute sieht die Lage vollkommen anders aus. Der niederländische Wirtschaftsprofessor Arjo Klamer von der Erasmus Universität Rotterdam sagte den Deutschen Mittelstands Nachrichten: „Mehr als die Hälfte der Niederlande sind gegen den Euro, wie jüngste Umfragen gezeigt haben.“ Die Niederländer glauben, „der Euro ist eine Sache des Establishments und nicht des Volkes“. Er stelle fest, dass seine Landsleute langsam aber sicher, „richtig wütend über den Euro werden“. Sie stellen nämlich fest: „Am Ende werden wir die Rechnung bezahlen.“ (Darum fordern sie zumindest mehr Anerkennung – mehr hier)

Der Vertrag von Maastricht - als die EU noch in den meisten Ländern herzlich willkommen war. (Foto: European Parliament)Der Vertrag von Maastricht – als die EU noch in den meisten Ländern herzlich willkommen war. (Foto: European Parliament)

Klamer glaubt nicht, dass der Euro überleben kann: „Wir haben in Europa nie die Voraussetzungen für eine gemeinsame Währung geschaffen. Voraussetzungen sind eine starke Gesellschaft, ausreichende Solidarität und Demokratie. Darauf aufbauend, muss es ein politisches System geben, welches von den Bürgern legitimiert ist. Erst dann kann man eine gemeinsame Währung einführen. Wir haben es in Europa genau umgekehrt gemacht und mit der Währung begonnen, ohne alle anderen notwendigen Bedingungen. Das kann nicht funktionieren.“

Klamer, der schon Ende der 90er Jahre das Ende des Euro für 2010 prognostiziert hatte, will sich von dieser Prognose nicht abbringen lassen und ist eher erstaunt: „Damals wurde ich für verrückt gehalten, heute will keiner mehr mit mir wetten!“

Prof. Arjo Klamer von der Erasmus Universität Rotterdam. (Foto: Wikipedia)Prof. Arjo Klamer von der Erasmus Universität Rotterdam. (Foto: Wikipedia)

In seiner gegenwärtigen Form ist der Euro nicht nachhaltig, meint Klamer. Daher werde der Euro zerfallen. Die Frage sei nicht ob, sondern wie. Klamer: „Ein plötzlicher Crash wäre besser als das langsame Sterben. Denn dann haben wir zwar kurzfristig einen sehr schmerzhaften Prozess, können uns jedoch wieder rasch erholen. Das hat man in Argentinien gesehen, wo nach etwa einem Jahr bereits die Erholung eingesetzt hat, nachdem im Jahr 2000 der Peso vom Dollar abgekoppelt wurde.“

Dagegen werden sich die Euro-Eliten so lange als möglich sperren, meint Klamer: „Der Euro ist zu einer Ideologie geworden. Sie merken das am religiösen Wortschatz, der gebraucht wird, an den fast evangelikalen Ausdrücken wie Armageddon, Kollaps mit unvorstellbarem Ausmaß und ähnliches mehr.“ Daher werden die Eliten versuchen, „sich so lange als möglih durchzuschwindeln“. Denn profitiert habe vom Euro vor allem die Finanzwirtschaft: „Die Niederlande und Deutschland haben nicht profitiert. Export-Überschüsse haben wir auch vor dem Euro gehabt. Ich glaube eher, dass uns die Export-Erfolge geschadet haben. Sie haben unsere Handelsnationen nämlich träge gemacht, weil man sich ja ohnehin auf den schwachen Euro verlassen konnte. Da hat dann die Innovation darunter gelitten, und die Eroberung von neuen Märkten ist unterblieben.“

Die Finanzwirtschaft habe dagegen vom Euro erheblich profitiert: „Sie haben Schuldenberge aufgebaut, die die Konsumenten wieder abtragen müssen. Die Banken haben die reale Wirtschaft als Geisel genommen. Wir laufen und arbeiten nur noch für die Banken.“

Klamer sieht verschiedene Szenarien, die das weitere Lavieren in Sachen Euro durchbrechen könnten: „Entweder eine Griechenland-Pleite, denn dort ist noch lange nichts gelöst. Oder ein Bankenkollaps, der bei dem verheerenden Zustand, in dem sich Europas Banken befinden, sehr schnell geschehen kann. Ober aber politische Unruhen im Zuge der immer radikaleren Sparprogramme.“ Der Euro habe in diesem Zusammenhang auch die Solidarität der Völker Europas zerstört: „Noch nie seit der Einführung der EU haben wir derart viele Spannungen und Vorurteile in Europa gehabt.“

Aus Gesprächen mit führenden niederländischen Beamten wisse er, dass sich auch die Regierung in Den Haag bereits ernsthaft mit dem Szenario eines Euro-Crashs beschäftige. Klamer: „Privat sprechen hohe Beamte ganz offen über alternative Optionen.“

Eine Voraussetzung für einen funktionierenden Wirtschaftsraum hält Arjo Klamer für besonders wichtig: „Geschäftsbanken und Investmentbanken müssen getrennt werden. Wir können nicht das Risiko von Spekulationen auf die Gesellschaft abwälzen.“ Diese grundlegende Veränderung sei unabdingbar – und zwar mit und ohne Euro.

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