Der leise Tod der Marktwirtschaft: warum der “Arbeitsmarkt” an sich pervers und die Weltwirtschaft am Ende ist.

Quelle: Der Nachrichtenspiegel

http://www.nachrichtenspiegel.de/2012/05/03/der-leise-tod-der-marktwirtschaft-warum-der-arbeitsmarkt-an-sich-pervers-und-die-weltwirtschaft-am-ende-ist/?utm_source=feedburner&utm_medium=email&utm_campaign=Feed%3A+NachrichtenspiegelOnline+%28Der+Nachrichtenspiegel%29

Von ⋅ 3. Mai 2012

3.4.2012. Eifel. Es gibt ja ein todsicheres Mittel gegen gute Laune.  Falls einem einmal wirklich Sonne, Wärme und frische Frühlingsbrise  einen euphorischen “Das-Leben-ist-schön”-Taumel ausgelöst haben, reicht zumeist ein einfacher oberflächlicher Blick in die Nachrichten, um die Laune deutlich zu dämpfen wenn nicht sogar ins Gegenteil umzukehren. Zum Beispiel das TV-Duell der Spitzenkandidaten in Frankreich: da weist der “Spiegel” darauf hin, das noch nie eine TV-Debatte eine Präsidentenwahl “gedreht” hätte, weshalb man denkt, der Wähler ist so souverän, das er das Spektakel gar nicht beachtet – jedenfalls denkt man das so lange, bis man das Handelsblatt gelesen hat: dort “verpatzt Sarkozy das entscheidende TV-Duell”.  Der Leser nimmt beide Botschaften auf – und bleibt im Regen stehen. Sind nun TV-Duelle in Frankreich wahlentscheidend oder nicht? Oder nehmen wir die Arbeitslosigkeit in Deutschland – Riesenschlagzeilen weisen darauf hin, das sie in Europa beständig neue Rekorde erklimmt während sie in Deutschland unter drei Millionen gesunken ist. Unter drei Millionen war sie schon vor ein paar Monaten – keine Schlagzeile erwähnte, das sie wieder gestiegen ist. Ausserdem ist das sprachlich nicht korrekt, korrekt wäre: “Der deutschen Bundesregierung gelang es im Jahre 2011, die Arbeitslosenzahlen auf unter fünf Millionen herunter zu definieren. Der Trend setzt sich fort“. Unsere Arbeitslosigkeit ist der Erfolg von Statistikern und ähnlichen Sterndeutern, nicht der Erfolg der Wirtschaft. Dort sieht es nämlich fürchterlich aus – wenn man zwischen den Zeilen liest.

Wir – also der gesamte europäische Wirtschaftsraum – sind auf dem Weg zum Selbstmord – so liest man jedenfalls im Handelsblatt. Selbstmord durch stringente Sparstrategie. Wo gespart wird? Nicht etwa an Diäten, Rüstungsausgaben oder Straßenbauvorhaben – nein, das wäre undenkbar. Immerhin hat man ein Haus abzubezahlen, muss dem Rüstungslobbyisten für die Lehrstelle des eigenen Sohnes danken und die Baufirma des Schwagers vor dem Konkurs retten. Man spart einfach beim Bürger: vorbei die Zeiten, wo Gewerkschaften nach hartem Kampf fünf Prozent mehr Lohn erkämpften – in der neuen Welt ist es dem Bankenclan ein leichtes, das Einkommen um 25% zu reduzieren. So würde Marktwirtschaft auch dem Bürger gefallen, wenn man von heute auf morgen einfach mal die Preise um 25% senken könnte – auf Befehl der Regierung, die den Wunsch “des Marktes” ausführt, eines Marktes, der an sich schon lange gestorben ist.

Was für ein Traum war das früher: der Traum von der Marktwirtschaft. Alle Marktteilnehmer treffen sich Montag morgens auf dem Marktplatz, verhandeln dort fair und gleichberechtigt die Preise ihrer Waren um am Ende des Tages glücklich und zufrieden mit Gewinn auseinanderzugehen – so erzählt man uns doch das Märchen vom “guten Markt”.

Was man uns nicht erzählt: auf dem Markt landet nur der Überschuss. Kein vernünftiges Wesen käme auf die Idee, seine eigenen, lebenswichtigen Ressourcen zu Markte zu tragen: erst wird einbehalten, was die Familie zum Leben braucht, der Rest wird verkauft. Das kann auch funktionieren – wenn die Reisekosten und Marktgebühren nicht zu hoch sind. Wird aus dem Warenmarkt dann der perverse “Arbeitsmarkt”, haben wir vollends die Rückkehr zu alten Sklavengesellschaften. Hier wird schon längst kein Lebensüberschuss mehr verkauft, sondern die Substanz, das ganze Leben. Übrig bleiben ein paar Tage Urlaub – und etwas Rente, wenn man Glück hat.

Das ist nicht das Leben eines freien Bürgers, das ist das Leben einer Ware: der Ware Mensch.

Kann deren Preis beliebig von außen reduziert werden wie akutell in Griechenland, dann hat die Ware an sich schon keinen Wert mehr – und der Markt ist tot, jedenfalls der echte, wahre Arbeitsmarkt, der sich dadurch auszeichnet, das ich meinen Arbeitskraftüberschuss an zwei Tagen die Woche nachmittags der Gemeinde verkaufe, weil die einen Staudamm bauen will.  So gesehen würde das bedingungslose Grundeinkommen erstmal wieder den Sklavenmarkt zu einem freien Markt machen, weil der Anbieter bei zu niedrigen Preisen sein Angebot vom Markt nehmen kann, ohne zu verhungern.

Wie würde denn “die Wirtschaft” darauf reagieren, wenn wir ihr vorschreiben würden, das sie täglich zehntausend Autos zum Preis von fünftausend Euro verkaufen muss – und notfalls sogar am Abend die übriggebliebenen für 20 Euro losschlägt, weil der Staat eine Absatzquote vorgegeben hat – analog zur Vorschrift des Arbeitskraftverkaufes, der 40 Stunden die Woche nicht unterschreiten darf? “Die Wirtschaft” würde sich an den Kopf fassen und die Welt nicht mehr verstehen – jene Marktwelt, die sie doch selber jederzeit im Munde führt.

Wie würde “die Wirtschaft” reagieren, wenn der Staat ab morgen die Vorschriften für den Arbeitsmarkt auf andere Märkte übertragen würde und eine Verkaufspflicht einführt – egal zu welchem Preis. Wer nicht genug ans Volk verkauft, muss Strafe zahlen, so wie der leiden muss, der nicht genug arbeitet. Da würde dann nur noch die verkaufte Masse zählen – der Preis wäre egal, wie bei Millionen von deutschen Tagelöhnern auch, die als Mini-Leiharbeiter zur Verschönerung der Regierungsstatistik ihre Lebenszeit unwiederbringlich für lächerliche Löhne verschleudern.

Zudem wird schnell übersehen, das der Arbeitskraftverkäufer ganz schlechte Marktbedingungen vorfindet: sein Leben ist geprägt von Schulden. Bevor er überhaupt nur den Mund aufmachen und sich selbst anpreisen kann, laufen schon Kosten auf: Miete, Essen, Heizung, Steuern und Abgaben bürden ihm enorme Lasten auf, die ihn letztlich dazu zwingen, sich zu Dumpingpreisen zu verschleudern … was nicht unbedingt gut fürs Selbstbewußtsein ist und erst recht nicht zu einem freien, selbstbestimmten Leben führt.

Das zusätzliche “Effizienzorgien” durch völlige Maschinisierung der Arbeitskraft und beständige Erhöhung der Zielvorgaben für überlebende Arbeitsplatzbesitzer den Markt für “Arbeit” großflächig zerstört haben, wird von der politischen Kaste gar nicht erst zur Kenntnis genommen – Subventionen für Kohle und Bauern ringt man sich gerne ab, aber Subventionen für den Arbeitsmarkt kürzt man rigogoros, droht sogar mit Hungertod … es sind ja nur Menschen, die man dort aus der Gemeinschaft herauskickt so wie die griechischen Rentner, die man aktuell durch den Schuldenschnitt zu Zehntausenden in die Altersarmut zwingt.

Wären die eine Bank: sie kämen unter den Rettungsschirm.

Der muss aktuell größer den je werden: Spaniens Banken glänzen durch Ineffizienz, weshalb das Land erstmal drastisch herabgestuft wurde: das da marktfremde Kräfte die Preise auf Märkten bestimmen, stört die Apostel der freien Marktwirtschaft nicht, das Millionen von Menschen in eine staatliche verordnete Armut rutschen und gar keinen Markt mehr vorfinden, auf dem sie selbst frei und gewinnmaximierend operieren können, wird nicht zur Kenntnis genommen – zu schön ist das Märchen von der Marktwirtschaft, die schon lange gestorben ist.

Warum ist sie tot?

Ein Großgrundbesitzer ist aufgetreten, hat die Marktstände gekauft, ihre Versorgung mit Strom, Wasser und Lebensmitteln in die eigene Hand genommen, seine Schläger regeln den Zugang zum Markt, diktieren die Preise und Absatzmengen, stellen durch die enormen Gewinne eine Vielzahl von Gauklern ein (Unternehmensberater, Investmentbanker, Showstars, Lobbyisten, Wirtschaftsexperten, Journalisten), die den Markt atmosphärisch zersetzen und wirklich jedem einzelnen Marktteilnehmer fein ausgeklügelte Botschaften ins Ohr flüstern um ihn von der Wahrnehmung der Wirklichkeit abzuhalten: der Wirklichkeit, das der Marktplatz von Gangstern übernommen worden ist, Gangstern, die nicht Wohlstand durch freien Handel vermehren sondern persönlichen Reichtum durch Manipulation maximieren wollen.

Deshalb sind “Wohlstand” und “Fortschritt” so selten gebrauchte politische Vokabeln geworden, stattdessen haben wir “Beschäftigung” und “Sparsamkeit” als politische Maximen kennengelernt: als ob irgendeine Gesellschaft je durch unproduktive Beschäftigung und hirnlose Raffgier der Staatsverwalter zu Größe gelangt wäre: man vergleiche unsere Utopien mal mit jenen der sechziger Jahre, als Hippies, Mondlandung und schier grenzenloses Wirtschaftswachstum das Paradies wieder in greifbare Nähe gerückt haben – alles schien möglich zu sein.

Und was haben wir heute, an welcher Utopie  haben Politik und Wirtschaft in den letzten dreissig Jahren gearbeitet?

Am ultimativen Zahlungsausfall, siehe Welt:

Die Diagnose an sich ist nicht neu: Die Vereinigten Staaten leben über ihre Verhältnisse – und dies auf zahlreichen Feldern. Josef Braml nennt die Schwächen. Die USA stecken in der schlimmsten Rezession seit den Dreißigerjahren. Der Staat ist beängstigend verschuldet, die Arbeitslosigkeit dramatisch gestiegen. Soziale Ungleichheit und Armut wachsen. Automobilindustrie und Immobilienbranche haben einen rasanten Verfall erlebt. Die Gefahr weiterer Spekulationsblasen ist nicht gebannt, die Abhängigkeit von Energieimporten weiterhin hoch.

Wenn alle merken, das der reiche Großgrundbesitzer, der reiche Rancher, den Markt und die Geschäfte der Stadt nur mit leeren Versprechungen gekauft hat (leeren Versprechungen und den Colts seiner Cowboys, die seit zwanzig Jahren wieder munter durch die Gegend morden), dann kommt auf uns eine ganz neue Aufgabe zu: wir dürfen der “Koalition der Zahlungswilligen” beitreten, wie Josef Braml ausführt.

Der reiche Rancher jedoch zahlt nichts. Er hat einen Zugriff auf den Marktplatz, den andere nicht haben: jederzeit kann er seine Günstlinge mit frisch gedruckten Dollars überhäufen, für die andere bitter schuften müssen, nochmal Stieglitz im Handelsblatt:

Auch in den USA würden immer wieder Fehler in der Wirtschaftspolitik gemacht. Aber das europäische Modell sei derzeit eindeutig der schlechtere ökonomische Ansatz und führe zu schwerwiegenden Konsequenzen. Strenge Sparsamkeit führe nur bei kleineren Ländern zu Erfolg, die von starken Volkswirtschaften umgeben seien. In der Euro-Zone würden derzeit aber fast alle Staaten in die Rezession getrieben. Zudem besäßen die USA den Vorteil, nie Bankrott gehen zu können, weil die amerikanische Regierung im Zweifel immer Zugriff auf die Notenpresse habe. Mit der Trennung zwischen Geld- und Fiskalpolitik gehe das in der Euro-Zone gerade nicht.

Und da sie ihren Dollar mit militärischer Gewalt stützen (siehe Irak – dessen Schicksal weniger mit den nie gefundenen “Massenvernichtungswaffen” verbunden war, aber dafür sehr mit dem Willen seines Diktators, das Ölgeschäft mal alternativ mit Euros zu händeln), können sie grenzenlos auf Pump leben … bzw. auf Kosten anderer.

Gegen diese Gelddruckmaschine muss nun der Arbeitnehmer auf dem deutschen Markt mit seiner im Alter stetig schwindenden Leistungskraft antreten … eine perverse Herausforderung.  Das ist kein Markt, das ist eine Sklavenauktion, die nur durch Androhung des Hungertodes funktioniert – keine wirtschaftlich denkendes Wesen würde an einem solchen Treiben teilhaben wollen, wenn es nicht durch staatliche Gewalt dazu gezwungen würde.

Aber immerhin wissen wir, in welche Richtung wir uns entwickeln müssten, um den Markt überhaupt erstmal wieder zu retten. Erahnt man jetzt, welche politischen und wirtschaftlichen Dimensionen das “bedingungslose Grundeinkommen” wirklich hat? Es würde die bislang existierenden Marktverzerrungen aufheben, aus Arbeitssklaven würden souveräne Marktteilnehmer werden, die mit Spaß und Freude ihre Arbeitskraft mit Gewinn verkaufen könnten, anstatt sie zugunsten des Dollars billigst verschleudern zu müssen.

Was mir nun beim französischenTV-Duell und der Berichterstattung gefehlt hat, ist die Frage: wo bleibt der Sheriff, bzw. hat einer von beiden vor, Sheriff zu werden und das Dorf und seinen Marktplatz vor den Gangstern des Großgrundbesitzers zu schützen, oder wollen sie nur die Tributzahlungen anders regeln? Müssen wir wirklich beten, das ein einsamer Revolverheld vorbeikommt, der dem Spuk ein Ende bereitet – oder gar glorreiche sieben Revolverhelden?

Aber solche Helden gibt es nur im Märchen …. wie auch die freie Marktwirtschaft.

Für uns andere gilt: wir kaufen zu überhöhten Preisen in den Läden jener Menschen, die uns immer weniger Geld für unsere Lebenszeit geben (und den “Wert” dieses Geldes durch Orgien in der Druckerei immer weiter nach unten treiben) … und die Politik unterstützt sie nach Kräften dabei.

Und am Ende – im Alter, bei Krankheit oder sonstigen Krisen – sitzen wir hungernd auf der Straße … oder im Lager, wenn es – wieder mal – noch perverser wird.

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