Kreditwürdigkeit: Schufa will Daten über Bürger bei Facebook sammeln

Quelle: staseve

http://staseve.wordpress.com/2012/06/07/kreditwurdigkeit-schufa-will-daten-uber-burger-bei-facebook-sammeln/

Veröffentlicht am 7. Juni 2012by

07:00

Die Schufa plant in großem Umfang, Daten aus Facebook, Xing, Twitter und anderen Netzwerken zur Bewertung der Bürger heranzuziehen. Dazu läuft ein Forschungsprojekt. Datenschützer sind entsetzt. Von Per Hinrichs

Verbraucherinsolvenzen und Schulden der Bürger seit 1999

© INFOGRAFIK WELT ONLINE Verbraucherinsolvenzen und Schulden der Bürger seit 1999

Die Schufa, Deutschlands bekannteste Auskunftei, plant, in großem Umfang Daten aus dem Internet zu sammeln und für Bonitätsprüfungen von Verbrauchern zu nutzen.

Nach Recherchen von NDR Info und “Welt Online” lässt das Unternehmen dafür an der Universität Potsdam Projektideen entwickeln, wie soziale Netzwerke wie Facebook, Geodatendienste wie Google Street View oder Mitarbeiterverzeichnisse von Unternehmen für die Schufa nach personenrelevanten Daten durchsucht werden können.

Dafür wurde mit Unterstützung der Schufa am Potsdamer Hasso-Plattner-Institut für Softwaresystemtechnik (HPI) ein “Schufa Lab@HPI” eingerichtet, das die “Kreativität von Forschern, wissenschaftlichen Mitarbeitern und Studenten nutzen” soll, um “Möglichkeiten zu finden, aus dem Web generierte Informationen” durch die Auskunftei “mit anderen Informationen” zu verknüpfen. Das geht aus internen Unterlagen hervor, die den beiden Redaktionen vorliegen. Die Schufa und das HPI bestätigen die Zusammenarbeit.

“dark web” als Quelle für Bonitätsbewertung

Neben den erwähnten offen zugänglichen Quellen wie sozialen Netzwerken stellen sich die Wissenschaftler auch die Frage, wie aus nicht-öffentlichen Datenbanken und Internet-Seiten, dem so genannten “dark web”, Informationen beschafft werden können.

Die wichtigsten Zahlen und Fakten zu Facebook

Gewinn und Umsatz

Facebook ist seit drei Jahren profitabel. 2011 gab es eine Milliarde Dollar Gewinn, im Jahr davor 606 Millionen und 2009 auch schon 229 Millionen Dollar.

Im Jahr 2008 lag der Verlust bei 56 Millionen Dollar und 2007 bei 138 Millionen Dollar. Im ersten Quartal 2012 sank der Gewinn im Jahresvergleich um zehn Prozent auf 137 Millionen Dollar.

Facebook ist inzwischen ein außerordentlich lukratives Geschäft. Den Milliardengewinn 2011 schaffte das Online-Netzwerk mit nur 3,7 Milliarden Dollar Umsatz.

Im ersten Quartal 2012 stiegen die Erlöse im Jahresvergleich um 45 Prozent auf 1,06 Milliarden Dollar. Facebook macht sein Geld vor allem mit Werbung. 2011 lag der Anteil bei 85 Prozent.

Die virtuellen Welten des Onlinespiele-Spezialisten Zynga sind ein wichtiges Element des Facebook-Geschäfts. Zuletzt steuerte der Anbieter von Games wie “Farmville” oder “Cityville” 15 Prozent der Facebook-Umsätze bei.

Facebook ist auch ein riesiges Fotoalbum: Jeden Tag laden die Nutzer 300 Millionen Bilder hoch.

Zu den Ideen gehört demnach auch, Profile bei Facebook, Xing und Twitter zu bilden, andere User zur Teilnahme aufzufordern und diese dann zur verdeckten Beschaffung von Adressen zu nutzen. Zudem sind digitale Marktplätze wie immoscout24 oder mobile.de im Visier des Schufa Lab.

So steht es in einem Memorandum namens “Projektideen”. Das übergeordnete Interesse ist, “Korrelationen zur Bonität” zu finden, also statistische Zusammenhänge zwischen einzelnen Persönlichkeitsmerkmalen und der Zahlungsfähigkeit von Verbrauchern.

Schufa- und Internet-Daten verknüpfen

Die Daten aus dem Internet sollen dann mit Daten aus der Schufa-Datenbank verknüpft werden, mit dem Ziel, noch genauere Aussagen über den einzelnen Konsumenten zu treffen. Auf diese Weise “soll ein Pool entstehen, der von der Schufa für existierende und künftige Produkte und Services eingesetzt werden kann.”

© INFOGRAFIK WELT ONLINE Zahlungsschwierigkeiten nach Bundesländern

Ausgespart wird in dem Papier so gut wie nichts: Die Qualität des Arbeitsplatzes könnte bewertet werden (“Anzahl Angestellte, Gewinn, Durchschnittslohn”) und die Wohnanschrift anhand von Geo-Daten (“Wohnqualität, Mietspiegel”).

Auch um “VIPs” machen sich die Wissenschaftler Gedanken. Eine automatisierte Identifikation könnte “Personen öffentlichen Interesses, Verbraucherschützer und Journalisten” sichtbar machen. Es gehe um die “explizite Datensammlung in sozialen Netzwerken”, darunter “auch unter anderen account-Namen”, da “Experimente am HPI nur beschränkt möglich” seien.

Die Schufa und das HPI rechtfertigen ihr Vorhaben als wissenschaftliches Forschungsprojekt. Die Sammlung von Projektideen sei “in Gesprächen zwischen dem HPI-Fachgebiet Informationssysteme und dem Projektpartner Schufa entstanden”, so Felix Naumann, Professor am HPI und Leiter des Fachgebiets Informationssysteme.

Bislang nur Grundlagenforschung

Es handele sich dabei um “Grundlagenforschung”, die man nach “höchsten ethischen Maßstäben” betreibe. “Sämtliche entwickelten Methoden und daraus resultierende Erkenntnisse”, so Naumann weiter, würden nach drei Jahren als “wissenschaftliche Beiträge öffentlich publiziert.”

Die Vorhaben bewegen sich laut Schufa und HPI aber lediglich in einem “Ideenraum”. Was die Schufa tatsächlich vorhat, steht in einem zweiten Papier: “Aus dem Web generierte Informationen werden durch die Schufa mit anderen Informationen verknüpft und aus Business-Sicht bewertet”, heißt es dort.

Facebook will die Altersbarriere lockern
Kinder im Visier

Facebook will die Altersbeschränkung lockern

Beide Projektpartner betonen weiter, dass alles transparent, öffentlich und im gesellschaftlichen Interesse sei. Klar ist aber auch, dass es beim “SchufaLab@HPI” in erster Linie um den geschäftlichen Erfolg des Wiesbadener Unternehmens geht, wie Schufa-Vorstand Peter Villa in dieser Woche erklärte: “In der Zusammenarbeit mit dem HPI wollen wir durch wissenschaftlich fundierte Ergebnisse langfristig die Qualitätsführerschaft unter den Auskunfteien in Deutschland sichern”, teilte er mit.

Dafür zahlt die Schufa pro Jahr 200.000 Euro an das HPI. Vorstandsvorsitzender der Schufa ist seit gut einem Jahr der frühere Hamburger Finanzsenator Michael Freytag (CDU). Freytag trat im März 2010 im Gefolge der HSH Nordbank-Affären von seinem Amt als Finanzsenator zurück.

Datenschützer sind entsetzt

Daten- und Verbraucherschützer reagieren auf die Schufa-Pläne mit Entsetzen und Unverständnis. “Hinter einem solchen Forschungsprojekt steckt immer eine Absicht. Sollte die Schufa die gewonnenen Daten tatsächlich einsetzen, wäre das eine völlig neue Dimension”, sagt der schleswig-holsteinische Landesdatenschutzbeauftragte Thilo Weichert, der die Dokumente analysierte.

dapd_5cde07f2becad20720bb27408dccde25-still
Kommunikation

Facebook startet neue Videochat-App “Airtime”

Besonders problematisch sei, “dass Informationen, die beiläufig ins Netz gestellt worden sind, systematisiert werden sollen”, so Weichert. Auch die Hamburger Verbraucherschützerin Edda Castelló sieht den Schufa-Vorstoß ins Netz mit Unbehagen.

“Für hochgefährlich halte ich es, wenn verschiedene Datensammlungen mit persönlichen Lebensläufen und Angaben von einem Wirtschaftsunternehmen zusammengeführt und ausgenutzt werden”, so Costello.

“Leute, die bei Facebook unterwegs sind, denken nicht daran, dass das, was sie dort sagen, vielleicht einmal für ihre Kreditwürdigkeit von Belang ist”, sagte Costello. “Das ist eine Grenzüberschreitung.”

Astrid Kasper, Leiterin der Unternehmenskommunikation der Schufa, kann dagegen nichts Schlimmes an der Ausforschung finden. Es gehe lediglich “um die wissenschaftlichen Möglichkeiten der Einsichtnahme, aber auch der Bewertung von Informationen aus dem Netz.”

Quelle: Welt-online vom 07.06.2012

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s