Montreal: Studentenproteste vs. Grand-Prix-Party

Quelle: The Intelligence

http://www.theintelligence.de/index.php/politik/international-int/4523-montreal-studentenproteste-vs-grand-prix-party.html

09. 06. 2012 | Von: Konrad Hausner

Der Grand Prix der Formel I zählt jedes Jahr zu den Höhepunkten im sozialen Leben Montreals. Drei Tage lang verwandelt sich die Stadt in einen riesigen Party-Zirkus. Doch heuer kündigen sich Probleme an. Der Zwist zwischen Studenten und Regierung ist noch lange nicht beigelegt. Und die Proteste werden sich, während Montreal im internationalen Rampenlicht steht, während des kommenden Wochenendes intensivieren. Auch wenn nicht zum ersten Mal, so legen – als Symbol von Transparenz und vielleicht auch, um besondere Aufmerksamkeit zu erregen – viele der Demonstranten wieder einmal die Hüllen ab. Und teilweise sogar zur Gänze.

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Anfangs wurde gegen die Erhöhung der Studiengebühren demonstriert. Dann gegen ein plötzlich verhängtes Demonstrationsverbot. Und eine Menge anderer Punkte wurden ins Programm aufgenommen, von der Geldverschwendung an Universitäten bis zur Zinsknechtschaft durch die Bankenherrschaft. Seit mehr als drei Monaten ziehen vorwiegend junge Menschen täglich durch die Straßen, verursachen dadurch immer wieder schwere Behinderungen im Straßenverkehr, und seit anderthalb Monaten finden die Protestaktionen auch nachts statt, lautstark und rhythmisch auf Töpfe und Pfannen schlagend. Neu aufgenommene Verhandlungen zwischen Vertretern der Studentenorganisationen und der Provinzregierung wurden vor einigen Tagen abgebrochen.

An diesem Wochenende herrscht in Montreal jedoch höchste Partystimmung. Am Sonntag findet der Grand Prix statt.

montreal grand prix rennstreckeDie Rennstrecke, die nach dem im Jahre 1982 tödlich verunglückten kanadischen Piloten Gilles Villeneuve benannt ist, liegt auf einer Insel namens Île Notre Dame im St.-Laurenz-Strom, praktisch direkt neben dem Stadtzentrum gelegen. Nicht nur das Sportereignis selbst sorgt für Aufsehen und Begeisterung, sondern auch die bereits zur Tradition gewordenen Partys, die überall in der Stadt gefeiert werden. Tausende Besucher kommen aus ganz Nordamerika mit schicken und sündteuren Sportwagen nach Montreal. Formel-I-Autos sind in den Straßen ausgestellt. Bühnen werden errichtet und jeden Abend erklingen Freiluftkonzerte. Das folgende kurze Video aus dem Vorjahr vermittelt einen Einblick in die Atmosphäre, von der die Stadt am Grand-Prix-Wochenende ergriffen ist:

Die im Zentrum gelegene Straße namens Rue Crescent, wo sich auf einer Länge von drei Häuserböcken Dutzende Bars, Pubs, Diskotheken und Restaurants befinden, ist der Mittelpunkt des Geschehens. Eines der Lokale mit Namen „Newtown“ gehört übrigens dem Formel-I-Weltmeister des Jahres 1997, dem Kanadier Jacques Villeneuve. Während am Donnerstag die Vorbereitungen für die geplanten Veranstaltungen der folgenden Tage getroffen wurden, zogen wiederum Tausende – vermutlich liegt die Teilnehmerzahl im fünfstelligen Bereich – von Demonstranten zu Kundgebungen ein.

Es wäre zu erwähnen, dass sich die Grand-Prix-Party nicht nur einer großen Anhängerschaft erfreut, die Umsätze, die durch diesen Spektakel erzielt werden, belaufen sich auf rund 80 Millionen Euro. Es liegt somit keineswegs im Interesse der Studenten, den Veranstaltungen direkten Schaden zuzufügen, da sich dies mit Sicherheit negativ auf die breite Unterstützung, die die Kundgebungen trotz vieler Behinderungen genießen, auswirken würde. Trotzdem nutzen die Demonstranten das gesteigerte Interesse, um auf ihre Sache von neuem aufmerksam zu machen. Von den internationalen Medien wurden die regelmäßigen Kundgebungen bis jetzt eher nur beiläufig erwähnt. (Was gewiss auch daran liegt, dass die Proteste fast ausnahmslos gewaltfrei verliefen, doch dabei handelt es sich schließlich um eine Grundvoraussetzung, um Anliegen auf demokratischem Wege durchzusetzen.)

Das folgende Amateurvideo vermittelt einen Einblick in die spannungsgeladene Atmosphäre während der Vorbereitungen zu den Grand-Prix-Festivitäten an der Straßenecke Rue Crescent und Rue Ste.-Cathrine:

Während sich die ganze Stadt auf einen der sozialen Höhepunkte des Jahres einstimmt, ist die Teilnehmerzahl an den Protestmärschen wieder sprunghaft angestiegen. Wie erwähnt, so liegt es, von einigen Randgruppen vielleicht abgesehen, keineswegs im Interesse der Montrealer Studenten, den Bewohnern der Stadt ihren Spaß zu verderben. Somit konzentrieren sich die Kundgebungen natürlich nicht auf jene Bereich der Stadt, in denen die Vorbereitungen für das Grand-Prix-Wochenende getroffen werden. Scheinbar endlose Menschenschlangen zogen durch andere Teile des Stadtzentrums, insbesondere über die Rue Ste.-Cathrine, eine der wichtigsten Geschäftsstraßen. Den neuesten Vorschriften entsprechend, wurden die Massenkundgebungen mit exakter Angabe der Örtlichkeiten zeitgerecht – also zumindest acht Stunde vorher – angemeldet. Wie üblich verliefen die Aufmärsche friedlich – und erst in den Abendstunden kam es zu wenigen Zwischenfällen mit bereits ziemlich überspannten Polizisten.

Was bei den jüngsten Demonstrationen allerdings besonders ins Auge fällt, ist die Kleidung – bzw. der Mangel daran. Schon Mitte Mai hatten viele der Teilnehmer eine Menge Haut zur Schau gestellt. Dieses Mal, zumindest in einigen Fällen, sogar etwas mehr. Die Erklärung, die von den Demonstrierenden für die Bloßstellung ihrer Körper gegeben wird, heißt: Transparenz. Der Regierung wird vorgeworfen, dass es an Offenheit fehlt, dass vieles vertuscht und verheimlicht wird. „Wir haben absolut nichts zu verbergen!“, lautet die Botschaft. Und vielleicht sind Bilder wie die folgenden spektakulär genug, um internationale Aufmerksamkeit zu wecken:

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