50 Jahre Elysée-Vertrag: Die anstrengende Freundschaft

Quelle: Spiegel online

http://www.spiegel.de/politik/ausland/50-jahre-elysee-vertrag-die-anstrengende-freundschaft-a-878985.html

Von Mathieu von Rohr, Paris

Deutschland und Frankreich: 50 Jahre Freundschaft

Fotos
DPA

Da wird gelächelt und das Erreichte beschworen: Zweifellos verdient die deutsch-französische Beziehung am 50. Jahrestag des Elysée-Vertrags eine Feier. Doch die Wahrheit ist, dass das Jubiläum beiden Seiten eher ungelegen kommt – nicht nur beim Euro ist man schon länger über Kreuz.

Es sei an der Zeit, aufzuhören mit dem Gerede über die Freundschaft zwischen Deutschen und Franzosen. Das sagt Bruno Le Maire, der einst Nicolas Sarkozys Europaminister war. Heute ist er der vermutlich beste Deutschlandkenner in der französischen Nationalversammlung.

Le Maire fährt regelmäßig nach Berlin, er spricht exzellent Deutsch, und Angela Merkel ist für ihn bereits heute eine „Figur von historischer Größe“. Aber mit seiner Zuneigung zum Nachbarland fühlt er sich häufig allein. Schon seit einiger Zeit macht er sich große Sorgen um die deutsch-französische Beziehung.

 

Die Bevölkerungen respektierten sich zwar, sagt Le Maire, aber die Kultur und die politische Tradition der beiden Länder seien in vielerlei Hinsicht gegensätzlich, auf beiden Seiten lernten immer weniger Menschen die Sprache des anderen, und in der Konstruktion Europas verfolgten beide Länder grundsätzlich unterschiedliche Vorstellungen. Er sagt: „Das Verhältnis zwischen unseren beiden Ländern ist schwierig. Das müssen wir anerkennen. Das müssen wir als Ausgangspunkt nehmen.“

Er ruft zu einer neuen Ehrlichkeit, zu Nüchternheit im Umgang miteinander auf: „Während Jahrzehnten ging es in der deutsch-französischen Beziehung darum, die beiden Länder einander näherzubringen, eine ‚deutsch-französische Freundschaft‘ zu schaffen. Aber das reicht heute nicht mehr.“ Er sagt: „Wir müssen von der einfachen Feststellung ausgehen, dass die Beziehung nicht natürlich ist. Wenn man von der falschen Vorstellung ausgeht, dass sie einfach sei, ist man die ganze Zeit enttäuscht.“

Diese Woche wird in Berlin mit großem Pomp das 50. Jubiläum des Elysée-Vertrags begangen, den Konrad Adenauer und General de Gaulle am 22. Januar 1963 unterzeichneten. Er heißt auch „deutsch-französischer Freundschaftsvertrag“, ein historisch entscheidendes Vertragswerk, mit dem die beiden Staatsmänner den Grundstein für die Annäherung der beiden Länder nach dem Krieg legten.

Das Jubiläum kommt ungelegen

Es wird viele Reden geben, im Bundestag und anderswo, viel Beschwörung des Erreichten wird dabei sein, verdientes Preisen der historischen Annäherung, aber natürlich auch Heuchelei. Die deutsch-französische Beziehung verdient zweifellos eine Feier. Doch die Wahrheit ist, dass das Jubiläum beiden Seiten ein wenig ungelegen kommt.

Seit Charles de Gaulle nach der Vertragsunterzeichnung Adenauer umarmte, ist das demonstrative Zurschaustellen von Zuneigung aus dem Verhältnis der beiden Staaten nicht wegzudenken.

Doch nicht nur Bruno Le Maire erscheint das Gerede von der Freundschaft 50 Jahre später ein wenig hohl angesichts der realen Meinungsverschiedenheiten in der Euro-Krise: Ein wenig „unglücklich“ sei der Begriff schon, gibt der grüne Europaparlamentarier Daniel Cohn-Bendit zu – es gehe eben darum zu sagen: „Es gibt keine deutsch-französische Feindschaft mehr.“

Der frühere Kommissionspräsident Jacques Delors sagte diese Woche im SPIEGEL-Gespräch: „Ich habe zu oft erlebt, wie ein deutscher Bundeskanzler und ein französischer Präsident den Bürgern die große Freundschaft vorspielten.“ Und fügte hinzu: „Schluss mit den Umarmungen, dem Sauerkraut und den gemeinsam getrunkenen Bieren. Mir ist es lieber, wenn Merkel und Hollande einander öffentlich die Meinung sagen.“

Das haben die beiden in den letzten Monaten allerdings oft getan. Schließlich sind sich Deutsche und Franzosen in den meisten Punkten uneinig, wenn es um die Lösung der Euro-Krise und die Zukunft Europas geht – und zwar nicht erst seit Hollande.

Im Elysée glaubt man nicht an die deutschen Rezepte

In Paris verstehen sie nicht, warum die Deutschen in der Euro-Krise immer bremsen, warum Merkel alle Vorschläge ablehnt, einen Teil der Schulden zu vergemeinschaften und stattdessen immer neue Budgetkontrollen einführen will. Im Elysée glaubt man nicht an die deutschen Rezepte: bei den Staatsausgaben sparen, die Lohnkosten senken. Wachstum und Sparen gehe nicht gleichzeitig, und mit China könne man ohnehin nicht über den Preis konkurrieren, heißt es in Hollandes Umgebung. Wichtiger sei es, das europäische Sozialsystem zu erhalten.

Die Deutschen sind vor allem über den beschränkten Reformwillen besorgt, den Hollande in seinen ersten Amtsmonaten gezeigt hat. Sie fürchten, dass Hollande die Wucht der Krise noch nicht verstanden hat. Dass die Deutschen diese Sorgen der Presse gesteckt haben, ärgert wiederum die Franzosen. Am meisten könnte Berlin helfen, wenn es aufhören würde, solche Kommentare zu verbreiten, heißt es aus dem Umfeld des Präsidenten.

Als Merkel im vergangenen Jahr die „politische Union“ für Europa forderte, erwischte sie die Franzosen kalt. Im Elysée ärgert man sich immer noch, dass sie dadurch in die Defensive gerieten: Merkel stehe als gute Europäerin da und Hollande als Bremser, der keine Kompetenzen abgeben wolle.

Hollandes Mitarbeiter sind sich bis heute nicht sicher, ob Merkel tatsächlich an die politische Union glaubt und was sie sich darunter genau vorstellt, oder ob ihr Angebot nicht vielleicht doch eher ein kluger Schachzug war. Bei so viel gegenseitigem Argwohn ist es kein Wunder, dass Deutschland und Frankreich nur in Trippelschritten vorankommen, sich von einem hart erkämpftem Kompromiss zum nächsten schleppen.

In beiden Hauptstädten regiert höflich kontrollierter Ärger über den anderen.

Unausgesprochene Hintergedanken

Dass Frankreich und Deutschland unterschiedliche Ziele verfolgen, ist nichts Neues, das begann schon mit dem Elysée-Vertrag. Adenauer wollte ihn, um Deutschland endgültig an den Westen zu binden – also an die USA, England und Frankreich. De Gaulle hingegen wollte einen Gegenpol zu den USA und den Briten schaffen. Beiden war bewusst, dass sie eigentlich etwas anderes wollen, aber auch, dass sie sich gegenseitig brauchten.

Die unausgesprochenen Hintergedanken gehören genauso zum deutsch-französischen Verhältnis wie die großen Inszenierungen. Der wichtigste war stets die französische Sorge, dass Deutschland wieder bestimmend werden könnte in Europa. Und beide Seiten wollen Europa nach dem Vorbild ihrer eigenen Staaten schaffen, beide Seiten wollen ihre wirtschaftspolitischen Traditionen durchsetzen.

In Frankreich hat der bekannte Journalist Arnaud Leparmentier gerade ein Buch veröffentlicht, dessen letztes Kapitel lautet: „Verabschieden wir uns von der deutsch-französischen Beziehung.“ Er beschreibt die Geschichte einer Beziehung von französischen und deutschen Regierungschefs, die seit Jahrzehnten unfähig seien, sich untereinander zu verständigen. Dadurch hätten alle gemeinsam dazu beigetragen, Europa und den Euro an den Rand des Zusammenbruchs zu manövrieren.

Millimeterschritte in der Euro-Krise

Die Beziehung zwischen den beiden Ländern sei nicht natürlich, sagt der französische Abgeordnete Bruno Le Maire. „Unsere Systeme sind total gegensätzlich“, sagt er. „Ein föderalistisches System, in dem die Macht beim Parlament liegt, steht einem zentralistischen System gegenüber, bei dem der Präsident die Macht hat.“ Und weil unter den führenden Politikern kaum jemand mehr die Sprache des anderen spreche, verstehe man auch das Denken des anderen nicht.

Gleichzeitig bildeten sich auf der ganzen Welt große Blöcke, in China, Indien, Südamerika, die Europa unbedeutender machten. Deutschland und Frankreich bräuchten keine gefühlvolle Rhetorik, sagt Le Maire, sondern müssten sich aus strategischem Interesse auf konkrete gemeinsame Ziele festlegen: eine einheitliche Steuer- und Sozialpolitik, einen gemeinsamen Arbeitsmarkt, die Steuerung der Euro-Zone, eine stärkere europäische Integration. Er erwarte von Präsident Hollande eine Antwort auf Merkels Angebot für eine politische Union. Am Montag veröffentlichte er in der Zeitung „Le Figaro“ eine „Agenda 2020“ für die deutsch-französischen Beziehungen.

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Doch es ist nicht nur die Freundschaftsrhetorik aus der Nachkriegszeit, die heute manchmal hohl klingt, es sind nicht nur die Millimeterschritte, in denen die beiden Länder sich in der Euro-Krise aufeinander zubewegen – es gibt noch ein ganz anderes Problem für die Beziehung: zunehmendes gegenseitiges Desinteresse.

 

Eine Umfrage unter Deutschen und Franzosen von vergangener Woche zeigt, dass die Bürger beider Länder einander schätzen, aber vor allem Klischees übereinander kennen: Die Franzosen respektieren die Deutschen und halten sie für diszipliniert, die Deutschen mögen die Franzosen und ihre „Lebensart“, aber beide interessieren sich eigentlich nicht sonderlich für einander. Die Zeit der Jugendaustausche ist lange vorbei, und Frankreich ist für die jungen Deutschen schon lange nicht mehr das exotische Erweckungserlebnis, das es noch für die Achtundsechziger war.

Angela Merkel hat in ihrer Videobotschaft von vergangener Woche jetzt alle Deutschen dazu aufgefordert, Französisch zu lernen. Für ein besseres Verständnis des Nachbarlandes müsse man die Sprache lernen. Sie könnte da mit gutem Beispiel vorangehen – mit ihrem Kollegen Hollande radebrecht sie nämlich bisher auf Englisch, wenn die Dolmetscher gerade nicht da sind.

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2 Gedanken zu „50 Jahre Elysée-Vertrag: Die anstrengende Freundschaft

  1. Lieber Markus,
    die Themen, die bereits durch DPA oder ähnlichen Medien geschafft wurden, wie auch dieser Artikel – haben für freibestimmten Leser weniger Wert, weil diese sind schon durch sog. Medien
    offiziell zugelssen und durch ideologischer Fleischwolf gedreht. Aber wenn schon man solche Medien benutzt, dann muss man sich Mühe geben auch offizielle Meldungen mindestens kommentieren.

    Insbesondere das Thema französisch-deutsche Freundschaft. Es ist wahr, dass die Franzosen ganz anders, als die bekannten Allierten, Deutschland nach dem Krieg behandelt. Zwar gehöre Frankreich zu den Allierten, aber doch nicht lange wollte Deutschland feindlich zu behandeln. Allein die Geste Frankreich mit der Rücknahme von Saarlandes ist einen Verdienst der französischer Politik. Denn Frankreich wurde bis Anfang 1945 durch die „UdSSR“, Großbritannien und USA praktisch ignoriert.

    Selbst die Konferenz von Potsdam wurde in Abwesenheit von Frankreich gemacht. Und viel später nach der Zussammenbruch der „UdSSR“ 1989 Frankreich wollte dier Friedenskonferenz mit ALLEN Ländern, die das Deutschland geteilt: inklusive Litauen, Polen und Tschechien in Paris auf dem Rinden Tisch haben und ohne Frankkreichsbewilligung Deutsche Ostgebiete willkürlich an den Ländern vom Stalin geschenkt wurden. Die drei Allierten weigerten sich bei dieser Konferenz in Paris teil zu nehmen.

    Auch heute die nicht jüdische Presse in Frankreich nennt oft Deutschland als Großreich und der einziger Politiker Charles de Gaulle beim Deutschlandsbesuch deutsch geredet hat und Deutsches Volk als „Le Grande Nation“ bezeichnete. Zwar auch Frankreich hat ein Friedensvertrag mit Deutschland de jure allein zustande bringen gewagt, aber doch de facto das gemacht.

    Liebe Grüße aus Frankfurt – JB

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    • Lieber Jurij,

      Vielen Dank für Deinen ausführlichen Kommentar!
      Ich gebe Dir Recht. Gerade deswegen, sind solche Kommentare, wie Deiner so wichtig, um dem geneigten Leser die nötige, differenzierte Betrachtung zu ermöglichen. Insbesondere, wenn solche Kommentare von Menschen kommen, die über die nötige (Lebens)Erfahrung verfügen, über bestimmte (geschichtliche) Zusammenhänge auch noch aus eigener Erinnerung sprechen zu können.
      Vielen Dank!

      sonnige Grüße, ME

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