Teure Prestigebauten: Deutschlands nächste Milliardengräber

Quelle: Spiegel online

http://www.spiegel.de/wirtschaft/bauprojekte-so-teuer-werden-kuenftige-grossbaustellen-a-877636.html

Von Alexander Demling

Plötzlich wird alles um Milliarden teurer: Ob beim Flughafen BER oder Stuttgart 21, immer wieder explodieren die Kosten für Prestigebauten. In Deutschland wird systematisch falsch geplant, kritisiert der Oxford-Professor Flyvbjerg. Exklusiv hat er berechnet, bei welchen Projekten neue Risiken lauern.

Airport München: Durchschnittliche Steigerung der Kosten bei Flughäfen um 40 ProzentZur Großansicht

dapd

Airport München: Durchschnittliche Steigerung der Kosten bei Flughäfen um 40 Prozent

Hamburg – „Dummköpfe oder Lügner“ nennt Bent Flyvbjerg, Professor für Stadtplanung in Oxford, Manager von Großprojekten wie dem Berliner Flughafen. Ihre Kosten- und Bauzeitprognosen strotzten vor Naivität oder Unehrlichkeit. Der renommierte Experte für Megaprojekte schlägt eine neue Methode vor, um die Voraussagen verlässlicher zu machen: Für Hunderte Großprojekte weltweit hat er errechnet, wie deutlich die tatsächlichen Kosten über die geplanten hinausschossen. Den so errechneten Zuschlag, fordert Flyvbjerg, müssten künftige Bauherren dann schon von Anfang an einplanen.

In Großbritannien wird Flyvbjergs Methode seit zehn Jahren angewendet. Um den „Hang zum Optimismus“ bei Großprojekten auszugleichen, wird erst mal vom schlimmsten Fall ausgegangen und ein relativ hoher Zuschlag berechnet. Nur wenn die Planer nachweisen können, dass sie Problemen wie beim Lärmschutz schon Rechnung getragen haben, kann der Aufschlag reduziert werden. Außerdem zählt Erfahrung: Bei Standardbauten, die die Bewerber ähnlich schon einmal umgesetzt haben, ist die geforderte Budgeterhöhung nicht einmal halb so hoch wie bei innovativen Bauwerken.

 

Die Folge: Architekten wie die des Berliner Großflughafens könnten sich zwar weiterhin rühmen, einen „Airport der neuen Generation“ zu bauen. Nur müsste dafür eben mehr Geld eingeplant werden. In Deutschland läuft es bisher oft andersherum: Planer verweisen auf die Einzigartigkeit ihrer Gebäude, um sich so einem fairen Vergleich von Kosten und Nutzen zu entziehen. „Es geht auch um Demokratie. Darum, dass Bürger und Politiker die gebotenen Alternativen fair miteinander vergleichen können“, sagt eine Sprecherin des britischen Finanzministeriums. Früher seien oft die Kosten einzelner Projekte aus dem Ruder gelaufen und andere hätten dafür verschoben oder gestrichen werden müssen.

Budget für „London 2012“ reicht aus

Auf der Insel hat die Strategie bereits Erfolg – selbst bei einmaligen Projekten, die sonst jeden Haushaltsplan sprengen. Das Budget der Olympischen Spiele in London etwa musste 2007 auf Drängen des Finanzministers um knapp drei auf mehr als 9,3 Milliarden Pfund (11,2 Milliarden Euro) erhöht werden. Dabei bleibt es wohl: Nach letzten Berechnungen kosteten die Spiele knapp unter neun Milliarden Pfund. „Prognosen sind nie eine exakte Wissenschaft. Aber bei vielen Projekten liegen sie überraschend nah dran“, heißt es aus dem britischen Finanzministerium.

In Deutschland ist man von solch exakten Prognosen weit entfernt. Pauschale Risikopuffer auf Basis von Erfahrungswerten seien gar nicht erlaubt, sagt ein Sprecher des Bundesverkehrsministeriums. Und viele Projekte seien eben einzigartig, ein pauschaler Aufschlag daher auch nicht sinnvoll. Sinneswandel hört sich anders an.

So könnten der Flughafen Berlin Brandenburg oder Stuttgart 21 nicht die letzten Skandalprojekte bleiben, wie Berechnungen für SPIEGEL ONLINE zeigen. Würden zukünftige Bahn-, Flughafen- oder Beschaffungsprojekte in Deutschland nach der Flyvbjerg-Methode geplant, sähen ihre Kostenprognosen ganz anders aus:

  • Y-Trasse Bremen – Hamburg – Hannover

 

Es sollte das nächste Großprojekt der Bahn nach „Stuttgart 21“ werden: Rund 130 Schienenkilometer in Form eines Y, die die Fahrt zwischen den beiden Hansestädten und Hannover verkürzen sollten. Die geschätzten Kosten lägen laut einem Gutachten des Umweltbundesamtes von 2010 bei bis zu vier Milliarden Euro. Schon diesen Preis ist das Projekt nach Meinung vieler Experten nicht wert. Mit Müh und Not brachte die Bahn die Y-Trasse in der Nutzen-Kosten-Analyse über eine Index-Zahl, unter der ein Projekt überhaupt nicht gebaut werden darf.

Würde die Flyvbjerg-Methode auf deutsche Schienenprojekte angewendet, hätte die Y-Trasse keine Chance mehr. Die 58 Bahnprojekte, die der Planungsexperte untersucht hat, lagen im Durchschnitt um 45 Prozent über den geplanten Kosten. Gemessen daran müssten Bahn und Bund rund 5,8 Milliarden Euro für die Strecke einplanen. Im Moment ist die Y-Trasse auf der Prioritätenliste des Verkehrsministeriums ohnehin nach weit unten gerutscht. Laut Staatssekretär Enak Ferlemann (CDU) soll sie aber bis 2020 gebaut werden.

  • Aufklärungsdrohne „Eurohawk“ der Bundeswehr

 

Gerade hat der „Eurohawk“ seinen ersten Testflug in Deutschland hinter sich. Das 15 Tonnen schwere unbemannte Flugzeug könnte die erste Drohne im Besitz der Bundeswehr werden. 1,2 Milliarden Euro sind für die Beschaffung von fünf Exemplaren bisher eingeplant. Dabei dürfte es kaum bleiben. Ein Sprecher des Verteidigungsministeriums spricht von einer „ersten Projektion“ der Kosten. Ein Vertrag für den „Eurohawk“ werde erst nach erfolgreichen Tests verhandelt.

Da die Drohne gerade erst erprobt wird, könnten Sonderwünsche der Bundeswehr den Preis noch gehörig nach oben treiben. Zudem werden in vielen Rüstungsverträgen „Preisgleitklauseln“ vereinbart, in denen der Bund zum Beispiel das Risiko steigender Materialkosten übernimmt.

Genug Gründe also, um die bei Rüstungsverträgen übliche Preissteigerung von 68 Prozent auch hier anzunehmen. Rund zwei Milliarden Euro müssten dann im Verteidigungshaushalt für die Aufklärungsdrohnen eingeplant werden. Kostensprünge dieser Art wären für die Bundeswehr auch nichts Neues: Beim Schützenpanzer „Puma“ schnellten die Kosten bis heute um mehr als 60 Prozent nach oben.

  • Dritte Startbahn in München

 

Eigentlich haben die Münchner den Ausbau ihres Flughafens im vergangenen Juni schon abgelehnt. Erledigt ist das Projekt „Dritte Startbahn“ damit aber noch nicht. Es gebe „keine Denkverbote“, sagte Bayerns Finanzminister Markus Söder (CSU) direkt nach dem Bürgerentscheid. Und der ist schließlich nur für ein Jahr bindend.

Ursprünglich sollte die dritte Start- und Landebahn eine Milliarde Euro kosten, im Planfeststellungsverfahren stieg der Preis dann auf 1,2 Milliarden Euro. Auf Münchens und Bayerns Steuerzahler könnte aber noch einiges mehr zukommen: Eine Untersuchung der Baukosten von 50 Flughäfen ergab eine durchschnittliche Preissteigerung von 40 Prozent. Mit diesem Optimismus-Zuschlag müssten Stadt und Land 1,68 Milliarden Euro einplanen.

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Ähnliches könnte übrigens auch für den Ausbau des Frankfurter Flughafens gelten, den der private Flughafenbetreiber Fraport finanziert: Beim Vergleich von Projekten von Privatunternehmen und der öffentlichen Hand konnte Planungsexperte Flyvbjerg bei den Kostensteigerungen keinen signifikanten Unterschied feststellen.

 

  • Elbtunnel der A 20

 

Er sollte ein Vorzeigeprojekt für öffentlich-private Partnerschaften werden: Die Kosten des 5,7 Kilometer langen Tunnel unter der Elbe sollten Bund und private Investoren gemeinsam stemmen, letztere ihre Ausgaben dann über eine Maut wieder reinholen. Doch bisher tut sich nichts an den Elbufern zwischen Niedersachsen und Schleswig-Holstein. Bis 2017 will die rot-grüne Koalition in Kiel den Bau verhindern. Für die Zeit danach plant die Bundesregierung aber mit dem Tunnel.

Die zu erwartenden Kosten sind unterdessen von 900 Millionen auf 1,2 Milliarden Euro gestiegen. Wie viel davon Private übernehmen könnten, ist völlig unklar. Ungeklärt ist auch, ob die vorgesehene Rendite von zehn Prozent für Investoren noch mit einer bezahlbaren Maut für Nutzer vereinbar ist. Kaum noch haltbar wäre das Vorhaben wohl, wenn der Elbtunnel mit Flyvbjerg-Zuschlag geplant werden müsste: Für Tunnelbauten hat der Ökonom eine durchschnittliche Preissteigerung von 34 Prozent errechnet: Auf Basis der aktuellen Schätzung müssten die öffentlichen Geldgeber dann sogar mit bis zu 1,6 Milliarden Euro rechnen.

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